Die Schlossberghalle in Starnberg war am 4. Juli 2013 der Schauplatz einer ganz besonderen Geburtstagsfeier: 150 Jahre Sozialdemokratie in Deutschland und 121 Jahre in Starnberg. Es versprach ein feierlicher Abend zu werden, denn Hauptredner waren Franz Maget, Vizepräsident des bayerischen Landtags, und der Schriftsteller Johano Strasser. Für die musikalische Umrahmung war die Knappschaftskapelle Peißenberg eingeladen. Aus dem ganzen Landkreis kamen interessierte Zuschauer, nicht nur Genossinnen und Genossen. Und sie wurden nicht enttäuscht:
Nach einer launigen Einführung der Organisatorin Elisabeth Fuchsenberger, einer kurzen Ansprache des Bundestagsabgeordneten Klaus Barthel – der betonte, wie sehr auch eine SPD im reichen Landkreis Starnberg gebraucht wird –, stieg der Landtagskandidat Tim Weidner aufs Rednerpodium und ließ die 121 Jahre Starnberger Sozialdemokratie Revue passieren. Die erste feststellbare Versammlung datierte aus dem Jahr 1891, ein Jahr vor der Gründung des „Sozialdemokratischen Wahlvereins“. Bis 1890 galt für die Sozialdemokraten im Kaiserreich ein Versammlungsverbot. Angeprangert wurden bei dieser „Volksversammlung“ die menschenunwürdigen Zustände der unterbezahlten Fabrikarbeiter, Kinderarbeit, die Konzentration des Kapitals in den Händen einiger weniger, die sich auf Kosten der ausgebeuteten Arbeiter bereicherten. Die Lösung dieser Probleme klingt in unseren Ohren auch heute noch sehr vertraut: Verkürzung der Arbeitszeit, bessere Bildungschancen für alle. Im 3. Reich war eine Mitgliedschaft in der SPD lebensgefährlich. Zu Zusammenkünften mussten sich die Starnberger Sozialdemokraten in Trachten- und Heimatvereinen treffen. Nach einem Dank an alle Mitglieder „im Dienst für Freiheit und Demokratie“, gab Tim Weidner noch einen Ausblick auf 2017: Dann hofft er, zur 125-Jahrfeier der Starnberger Genossen, den bayerischen Ministerpräsidenten Christian Ude als Ehrengast begrüßen zu dürfen.

Anschließend war Franz Maget an der Reihe. Wie immer ohne Manuskript hielt der rhetorisch hochbegabte Landtagsvizepräsident eine fesselnde Rede, an deren Ende jeder Genosse im Saal stolz darauf war, Mitglied dieser Partei zu sein. Es gibt in Deutschland keine andere Partei, die einen solchen Geburtstag feiern kann, alle anderen deutschen Parteien sind Nachkriegsgründungen. Die Vorläufer der heutigen CDU/CSU und der FDP, die Zentrumspartei, die Bayerische Volkspartei , die DDP und die DVP, waren allesamt Steigbügelhalter der Nationalsozialisten. Hätte auch nur eine einzige dieser Parteien mit der SPD vor 80 Jahren gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt – diesen Mut mussten viele Sozialdemokraten mit Haft in Konzentrationslagern oder sogar mit dem Leben bezahlen -, hätte unsere Geschichte eine völlig andere Wendung nehmen können, wäre Hitler nie so weit gekommen. Das erklärt, warum die anderen Parteien unter ihren damaligen Parteinamen nach dem 2. Weltkrieg nicht fortbestehen konnten. Die SPD wird niemals ihren Namen ändern müssen und darauf kann sie wahrlich stolz sein. Ihre Grundwerte werden immer Bestand haben: Demokratie, Rechtstaat und Freiheit, soziale Schutzrechte, Bildung für alle und Frieden. Viele frühe Forderungen der SPD, zunächst von den konservativen Parteien abgelehnt, wurden später als selbstverständlich angesehen. Ob es die frühe Forderung nach einem Ausbau der Kinderkrippen war, der erst als sozialistisches Teufelszeug verschrien wurde. Jetzt geht der CSU der Ausbau in München nicht schnell genug. Oder der Ausstieg aus der Atomenergie – es gibt viele Beispiele. Sorge bereitet Franz Maget die Einstellung vieler Deutscher zu unseren europäischen Nachbarn. Denn Deutschland braucht die europäische Union. „wir sind nicht der Mittelpunkt der Welt, aber wir profitieren enorm davon, in der Mitte Europas sein zu dürfen – nicht nur geografisch“, so Maget.

Als letzter Redner des Abends ging Johano Strasser nach einem historischen Rückblick auf die vielen Errungenschaften der Sozialdemokratie mit der SPD auch hart ins Gericht: Während der Schröder-Regierung, als Deregulierung das Zauberwort der Zeit war, Heuschrecken ins Land gelockt wurden, war es ein peinlicher Sündenfall, dass die SPD sich daran beteiligte. Hätte Schröder nicht deutlich „nein“ zum Irakkrieg gesagt, wäre nicht viel Positives von jener Regierungszeit übrig geblieben. Heute ist sich Johano Strasser sicher, dass die SPD gut gerüstet ist. Das Programm hat klare Konturen. Ob es im Herbst zum Regieren reicht, hängt davon ab, ob es der SPD gelingt, ihre Wähler zu mobilisieren. Klar ist: Schwarzgelb ist schon lange verbrannt, die zögerliche Flickschusterei der Kanzlerin gerade in der Europapolitik ist gefährlich. Wir haben in Deutschland immer noch keinen Mindestlohn, stattdessen eine hohe Zahl an Beschäftigten in einer prekären Arbeitswelt, eine verschleppte Energiewende. Johano Strasser gibt zu, dass er oft mit seiner SPD gestritten hat, aber nie in Versuchung geraten ist, sie zu verlassen. Die Klientelpolitik der Röslers und Brüderles hat mit Freiheit wenig zu tun. Die Worte Willy Brandts „Von Freiheit verstehen wir mehr“ werden immer gültig sein.

Zum Abschluss des Festakts wurde der Starnberger Sozialdemokrat Herbert Sladek für sein 50-jährige SPD-Zugehörigkeit vom Kreisvorsitzenden Stephan Bock und vom Starnberger Ortsvereinsvorsitzenden Dr. Frank Hauser geehrt.
Nicht vergessen werden darf natürlich die Knappschaftskapelle Peißenberg, die perfekt zum Anlass des Abends passte – das Publikum dankte es den Musikern mit großem Beifall. Ein wunderbares Büfett sorgte dafür, dass nach den hervorragenden Reden jeder noch ein wenig dablieb und sich Zeit zum Diskutieren und Ratschen nahm und die Ausstellung im Foyer begutachtete.

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